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Zusatzlogo: Gezeichnetes Kind springt auf farbigen rechteckigen Blöcken.

Eine Bedarfsanalyse gibt Orientierung im „Kita-Einstieg“

Neben der Aufgabe als Koordinatorin des Bundesprogramms „Kita-Einstieg“ ist Elena-Maria Beenen auch für die „Kommunale Koordination für Bildungsangebote für neu Zugewanderte“ im Emsland zuständig. Diese „Doppelrolle“ hatte in der Vergangenheit einen ganz entscheidenden Vorteil: Im Rahmen des zuletzt genannten Projektes fand im Emsland eine Bestands- und Bedarfsanalyse im Bildungsbereich statt. Die Ergebnisse waren anschließend auch für die Ausrichtung des „Kita-Einstiegs“ im Landkreis sehr hilfreich. Durch Interviews in Schulen und mit Kita-Leitungskräften erhielten Frau Beenen und ihre Kolleginnen und Kollegen einen guten Überblick über die Kita-Landschaft sowie Einblicke in die Erfahrungen der pädagogischen Fachkräfte. Die Analyse zeigte zudem verschiedene Entwicklungsbereiche auf: Beispielsweise sind eine stärkere interkulturelle Öffnung von Institutionen oder spezielle Fortbildungen zu den Themen „Interkulturalität“ und „Interreligiosität“ notwendig. Aber auch die Vernetzung der Kitas mit Migrantenorganisationen zeigte noch Bedarfe auf. „Viele Kindertageseinrichtungen haben gute Kontakte zu der Feuerwehr oder den örtlichen Grundschulen. Wichtig ist jedoch auch einen guten Kontakt zu den Migrationsdiensten zu haben, um besser auf die Familien mit Flucht- und Migrationserfahren und deren Bedarfe eingehen zu können“, berichtet Frau Beenen, die nun eine ganzheitliche Vernetzung der Institutionen vor Ort anstrebt.

Spielplatz mit einem Plakat vom Kita-Einstieg im Landkreis Emsland.Das offene Spielplatzangebot im südlichen Emsland.

Eltern-Kind-Gruppen im Fokus der Angebotsentwicklung

Frau Beenen versucht gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Angebote stets ganzheitlich und partizipativ zu denken. Mit ihrer Arbeit richten sie sich sowohl an die Familien mit Flucht- und Migrationserfahrung als auch sozial Benachteiligte. Darüber hinaus, sollen aber auch die pädagogischen Fachkräfte und Erzieherschulen sowie die Mitmenschen in der Nachbarschaft erreicht werden. Da anfänglich im Norden des Landkreises mehr als 200 Kitaplätze fehlten, wurden durch das Bundesprogramm zuerst Eltern-Kind-Gruppen geschaffen, um den dringenden Bedarf an Betreuungsplätzen zu kompensieren. Im Laufe der Kita-Einstiegs-Förderung kamen Angebote im Bereich der Gesundheitsprävention, Natur und Sprache hinzu. Die Kita-Einstiegsfachkräfte besuchten in diesem Zusammenhang verschiedene Fortbildungen im Bereich der Psychomotorik, der Waldpädagogik oder Sprachförderung. In der Folge entwickelten sich im Emsland durch das Bundesprogramm verschiedene Angebotsformate. So gibt es Yoga-Kurse gemeinsam für Eltern und Kinder, ein flächendeckendes Angebot zur Förderung der Fein- und Grobmotorik, Bilderbuchkinos oder Sprachkurse für Frauen mit einer anderen Muttersprache als Deutsch – als niedrigschwellige Sprachangebote. Auch die Natur wird seitdem verstärkt nicht nur als Ressource, sondern auch als Bildungsort genutzt. Bei allen Angeboten gilt: Ergänzend ist meist eine zweite Fachkraft mit ähnlichem kulturellem Hintergrund wie dem der Teilnehmenden beteiligt, sodass diese als Sprachmittlerin oder Sprachmittler fungieren kann.

Wichtigste Kooperationspartnerinnen und -partner

Die Koordinierungs- und Netzwerkstelle des „Kita-Einstiegs“ ist im Landkreis Emsland in der Fachstelle Integration angesiedelt. Hier sind viele der Mitarbeitenden mit Querschnittsaufgaben im Bereich der Neuzuwanderung betraut. Der Vorteil für Frau Beenen: Es braucht nur kurze Wege, um sich von ihren Kolleginnen und Kollegen Rat und Informationen einzuholen. Im regelmäßig stattfindenden „Arbeitsbündnis Bildung“ erhält das Kita-Einstiegs-Team wichtige Impulse für seine Arbeit, berät über die Entwicklungen oder Veränderungen im Landkreis und erhält Gelegenheit, über das Bundesprogramm „Kita-Einstieg“ und dessen Angebote zu informieren. Auch die Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Jugend und den Fallmanagerinnen und -managern hat sich bewährt. In der Vergangenheit konnten so beispielsweise Frauen mit Fluchterfahrungen Praktika in Kitas vermittelt werden. Weitere wichtige Kooperationspartnerinnen und -partner sind die Kooperations-Kitas und Träger, die Migrationsberatung sowie die Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe. Ein besonderer Anknüpfungspunkt ist eine muslimische Gemeinde im Landkreis. Hier findet regelmäßig ein Frauenfrühstück statt, an der eine Kita-Einstiegs-Fachkraft teilnimmt. Dabei informiert sie über das Bildungssystem in Deutschland sowie über die Angebote der Kindertagesbetreuung. Es findet aber auch ein Austausch über ganz normale Alltagsthemen statt. Einige der muslimischen Frauen haben sich dadurch bereiterklärt, ihr Wissen über die verschiedenen Kulturen zu teilen und gestalteten gemeinsam mit dem Kulturbeauftragen der muslimischen Gemeinde und einer Referentin für Frauenrechte die Fortbildung „Fragerunde Islam“ und „Frauenrechte im Islam“ für die Kita-Einstiegs-Fachkräfte.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Fachstelle Integration plant derzeit verschiedene Aktionen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit wie den Ausbau der Homepage des Landkreises Emsland. Hier sollen perspektivisch das Bundesprogramm „Kita-Einstieg“ im Emsland, die Projekte und Konzepte vorgestellt werden. Das Ziel ist darüber hinaus, vor Ort in den Gemeinden über die verschiedenen Angebote und Anlaufstellen zu informieren. „Wir bewerben in Kirchenblättern, wollen mit Postern und Flyern auf Angebote hinweisen und haben spezielle Flyer für Institutionen entwickelt“ führt sie weiter fort. Ergänzend werden auch die pädagogischen Fachkräfte in den Kitas gezielt angesprochen und ihnen die Teilnahme an den Fortbildungen zu interkulturellen Themen oder auch Gesundheitsthemen, wie Traumatisierung, ermöglicht. Zudem sind die Kita-Einstiegs-Fachkräfte auf internationalen Festen der Gemeinden mit Info-Ständen zum Bundesprogramm und den Angeboten vertreten.

Das Team des Kita-Einstiegs im Landkreis Emsland.Das Team des "Kita-Einstiegs" im Emsland (v.l.n.r.): Elena-Maria Beenen (Koordinierungs- und Netzwerkstelle) und die Fachkräfte im Kita-Einstieg Kevin Reuter, Thorsten Heymann, Mechthild Schönefeld, Daniela Kolberg und Andrea Bruns-Schneider.

Die Herausforderungen im Flächenlandkreis

Das Team um Frau Beenen sieht sich verschiedenen Herausforderungen gegenübergestellt: Wie kann mit den verschiedenen Trägern ein einheitliches Vorgehen innerhalb der Verwaltungsabläufe erzielt werden? Wie können die Fachkräfte, trotz der Personalengpässe, an den Fortbildungen teilnehmen? Und wie können Familien, neben offenen Spielplatzangeboten und aufsuchender Arbeit, noch erreicht werden? Die größte Herausforderung sind jedoch die Entfernungen im Flächenlandkreis. Das Emsland erstreckt sich von Norden nach Süden über eine Strecke von fast 100 km. Die vier Kooperations-Kitas verteilen sich hier auf alle vier Himmelsrichtungen, was die enge Zusammenarbeit der Kita-Einstiegs-Fachkräfte erschwert. Für die Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften bedeutet dies manches Mal zweistündige Autofahrten, die eine kurzfristige Vertretung oder Unterstützung untereinander schwer möglich machen. Um die Zusammenarbeit und den Austausch unter den Kita-Einstiegs-Fachkräften zu unterstützen, treffen sich diese wöchentlich zur Teamsitzung. Ergänzend findet alle drei Monate eine Supervision statt, um das Teamgefühl und den Erfahrungsaustausch zu fördern. Die Supervision soll aber auch dabei helfen, psychischen Belastungen der Fachkräfte vorzubeugen. Die weiten Entfernungen im Landkreis stellen nicht nur für die Fachkräfte im Bundesprogramm eine Herausforderung dar. Auch für die Familien sind die langen Wege zu Angeboten oder Kitas schwer zu bestreiten, wenn kein Auto oder Fahrrad zur Verfügung steht. „Wir können das ‚Rundum-Paket‘ mit täglichen Angeboten leider nicht stricken“, berichtet Frau Beenen, „da wir die Angebote nicht so zentriert zugänglich gestalten können, wie es beispielsweise in der größeren Stadt möglich ist“.

Die Strategie der langfristigen Vernetzung

Zukünftig möchte die Koordinierungs- und Netzwerkstelle des „Kita-Einstiegs“ im Emsland den Fokus verstärkt auf die Selbstwirksamkeit der Familien richten. Bei vielen Angeboten des „Kita-Einstiegs“ im Emsland geht es um die Vernetzung der Familien untereinander. In dem überwiegend ländlich geprägten Emsland gelingt es nicht immer gleich, neue Familien zu integrieren und die vertrauten Strukturen aufzubrechen. Die Kita-Einstiegs-Fachkräfte veranstalten beispielsweise Feste und Feiern, zu denen sie die neuzugewanderten Familien einladen. „Diese Gelegenheiten sind sehr wichtig, um neue Kontakte zu knüpfen“, betont Frau Beenen. Das Ziel ist es, die Familien so gut es geht dabei zu unterstützen, selbstständig und selbstwirksam zu sein. „Hier können die richtigen Kontakte sehr hilfreich sein“, führt sie weiter aus. Das Vertrauen seitens der Familien ist dafür sehr wichtig und muss Stück für Stück aufgebaut werden. „Wir nennen es Vertrauenskette“, erläutert Frau Beenen, in der zunächst der Kontakt zu den pädagogischen Fachkräften aufgebaut und anschließend auf die Kita, das Bildungssystem, die Institutionen, die Nachbarschaft und schlussendlich auch auf die Behörden ausgeweitet wird.

Die Nachhaltigkeit des Bundesprogramms sicherstellen

Im Sinne der Verstetigung des Bundesprogramms „Kita-Einstieg“, gründet der Landkreis derzeit bedarfsorientierte Krabbelgruppen. „Wie andere Angebote auch, sollen die zunächst im Rahmen des Bundesprogramms begleitet werden, langfristig aber selbstständig laufen“, berichtet Frau Beenen. Hierfür arbeitet sie bereits an einem Konzept für die Finanzierung und die strukturelle Verankerung der Angebote nach dem „Kita-Einstieg“. Auch für die Familien wird sich um Nachhaltigkeit bemüht. 2019 wurde erstmals die Förderung von Radfahrkursen für Frauen gestartet. Hier arbeitet der Landkreis mit Kooperationspartnerinnen und -partnern vor Ort zusammen, um sicherzustellen, dass sich die Familien in ihrem sozialen Nahraum bewegen können und beispielsweise die Wege zur KiTa alleine bewältigen. Durch das Engagement der Kita-Einstiegs-Fachkräfte können nun auch die Frauen mit Fluchterfahrung im Rahmen des Bundesprogramms an den Kursen teilnehmen. Das Emsland konnte innerhalb des Bundesprogrammes viele Erfahrungen sammeln. Diese sollen perspektivisch allen Kitas im Landkreis zu Verfügung stehen. Die erprobten Angebote werden deshalb zum Ende der Programmlaufzeit mit Steckbriefen in einem Dokument zusammengestellt und allen Kita-Leitungen zur Verfügung gestellt. Darin sind auch Informationen über Hürden und Herausforderungen der Vorhaben enthalten. Somit können interessierte Kitas unmittelbar von den Erfahrungen der Kita-Einstiegs-Fachkräfte profitieren und erhalten Anregungen durch bewährte Angebote für die pädagogische Praxis.

Zwölf Puppen auf einer Wiese, die verschiedene Ethnien repräsentieren.

Die Fortbildung als wichtiger Grundstein

„Die Teilnahme an Fortbildungen ist ein zentraler Aspekt und der Kern unseres Konzeptes“, erläutert Frau Beenen. Die pädagogische Ausbildung ist nicht immer auf die individuellen Bedarfe und Schwerpunkte der Fachkräfte ausgerichtet und orientiert sich häufig am „durchschnittlichen Kind“, führt sie fort. Grundlegendes Fachwissen ist natürlich wichtig. Aber es bedarf auch einer „Diversitätssensibilisierung“, wie Frau Beenen sagt. Dazu gehören Reflexionsvermögen und die Kompetenz mit Vielfalt umzugehen. Aus diesem Grund wird im Emsland auch viel Wert auf die Fortbildungen gelegt. Durch eine Kooperation mit den pädagogischen Schulen im Landkreis, können angehende pädagogische Fachkräfte und sozialpädagogische Assistentinnen und Assistenten an den speziellen Kita-Einstiegs-Fortbildungen zum Thema „Trauma“, „Islam“ oder „Interkulturalität“ teilnehmen. Anschließend tragen Sie die Inhalte über Referate an ihre Mitschülerinnen und Mitschüler heran, sodass das Wissen möglichst vielen zuteilwird.

Tipps

Besonders wichtig ist eine reflexive Haltung der Fachkräfte. Diese sollten sich über die Herausforderungen einer diversifizierenden Gesellschaft im Klaren sein und dabei auch ihre eigene Sozialisation mitdenken. Frau Beenen empfiehlt, sich beispielsweise folgende Fragen zu stellen: „Was ist das Fremde? Was ist das Eigene? Was macht die unterschiedlichen Kulturen aus und womit komme ich nicht gut zurecht?“. Das Wichtigste ist jedoch, im Dialog zu bleiben, seine Gedanken zu teilen oder einfach ganz offene Fragen zu stellen. „Auch mit wenig Geld kann Verstetigung erfolgen!“ betont Frau Beenen. Daher empfiehlt sie, mit dem Gedanken zu operieren, dass die Förderung ausläuft. Das ist ein kreatives gedankliches Vorgehen, um herauszufinden wie es im Anschluss ressourcenschonend weiter gehen kann. Eine Strukturförderung und weitere Erprobung ersetzten dies jedoch nicht. Krabbelgruppen sind beispielsweise eine gute Möglichkeit, mit geringen Mitteln große Unterstützung zu leisten. Es gilt, die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf die Bedarfe und Angebote aufmerksam zu machen und ihnen aufzuzeigen, dass es Familien gibt, die „durch das Raster fallen“, schildert Frau Beenen. Hier müssen zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt werden: Welche Risiken gehen wir ein, wenn wir nicht handeln? Wie können Lücken in der Finanzierung aufgefangen werden? Wo können wir jetzt ansetzen, um in der Zukunft zu wirken?

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