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Wie gelingt die Zusammenarbeit mit Familien mit Fluchthintergrund?

Drei Fragen an Gülcan Yoksulabakan-Üstüay, Referentin für Diversity Management der Stadt Bremen

Gülcan Yoksulabakan-Üstüay ist interkulturelle Pädagogin und arbeitet bei der Stadt Bremen als Referentin für Diversity Management. Zudem ist sie freiberuflich u. a. als Beraterin zu den Themen Interkulturalität in der Kita tätig und berät Kitas und Kindertagespflegepersonen zum Umgang mit Vielfalt.

Wie können Kitas und Kindertagespflegepersonen Familien mit Fluchthintergrund erreichen?

Besonders gut erreicht man Familien mit Fluchthintergrund über niedrigschwellige Angebote vor Ort, beispielsweise über Informationsveranstaltungen in Familienzentren im Stadtteil. Auch direkte Einladungen in die Kitas oder Kindertagespflegestellen sind gute Möglichkeiten für Eltern, die Fachkräfte, das Konzept und die Räumlichkeiten vor Ort kennenzulernen. Wenn die Eltern sehen, dass ihre Kinder unbeschwert mit anderen Kindern spielen, bauen sie schneller mögliche Vorbehalte ab. Wichtig ist vor allem, das Konzept Kita und Kindertagespflege vorzustellen. Oftmals kennen Familien mit Fluchthintergrund dieses aus ihren Heimatländern nicht. Besonders gut eignen sich informelle, offen gestaltete Veranstaltungen ohne offizielle Anmeldungen und feste Anfangszeit. Bei der Ansprache über Broschüren ist es wichtig, Informationen möglichst einfach zu halten und ansprechende Bilder zu nutzen. Auch sind Übersetzungen gut, um Sprachbarrieren und damit verbundene Hürden zu nehmen.

Wie gelingt die kultursensible Eingewöhnung von Kindern mit Fluchthintergrund?

Das Konzept einer möglichst langsamen und kleinschrittigen Eingewöhnung in Anwesenheit der engsten Bezugsperson ist für einige Familien mit Fluchthintergrund nicht immer nachvollziehbar. In manchen Herkunftsländern ist es eher die Regel, dass Kinder viele Bezugspersonen um sich haben. Sie empfinden die Trennung von den Eltern nicht unbedingt als schlimm. Trotzdem ist es wichtig, Eltern für eine Eingewöhnung zu sensibilisieren, um auch die Beziehung zwischen Fachkraft und Eltern zu festigen und sich über die jeweiligen Vorstellungen von Erziehung auszutauschen. Fachkräfte sollten kulturell bedingte Unterschiede bei Erziehungsvorstellungen und -praktiken nicht von vornherein ablehnen. Sie sollten versuchen nachzuvollziehen, was dahintersteht. Beispielsweise haben Familien mit Fluchthintergrund in der Regel entbehrungsreiche Zeiten hinter sich. In Deutschland angekommen, möchten sie ihre Kinder dann oftmals verwöhnen, indem sie ihnen zum Beispiel Süßigkeiten in die Kita oder zur Tagespflegeperson mitgeben. Hier sollten Fachkräfte nicht direkt mit Verboten reagieren, sondern behutsam aufklären, was eine gesunde Ernährung für Kinder bedeutet und wie die Regeln in Bezug auf mitgebrachte Süßigkeiten sind. Für eine kultursensible Eingewöhnung ist es zudem wichtig, dass sich jedes Kind in der Kita bzw. bei der Kindertagespflegeperson wiederfindet. Gibt es zum Beispiel Bücher, in denen Kinder mit gleicher Hautfarbe abgebildet sind, oder sieht man Landschaften, die die Kinder aus ihren Heimatorten kennen? Sind Lieder zu hören, die auch Kinder mit Fluchthintergrund kennen?

Wie sollte die Zusammenarbeit mit Familien mit Fluchthintergrund gestaltet werden? Was sind Herausforderungen und wie kann ihnen begegnet werden?

Eltern sollten gerade am Anfang aktiv in den Alltag der Kita bzw. bei der Kindertagespflegeperson mit einbezogen werden. Eltern, die noch nicht so gut deutsch sprechen, scheuen oftmals das Gespräch mit den Fachkräften oder anderen Eltern. Was von Außenstehenden häufig als Desinteresse gewertet wird, ist oft nur eine Unsicherheit mit der deutschen Sprache. Hier fällt mir ein Vater ein, der seine Tochter immer mit dem Mobiltelefon am Ohr abgeholt hat. Irgendwann kam heraus, dass es ihm unangenehm war, dass er noch nicht gut deutsch sprechen konnte. Durch das Telefon am Ohr wollte er das Gespräch mit Fachkräften und anderen Eltern vermeiden. Hier sollte man aktiv auf Familien zugehen und Hemmschwellen nehmen. Beispielsweise kann man Eltern zu den Mahlzeiten einladen, um die Abläufe in der Kita in ungezwungener Atmosphäre besser kennenzulernen. Oder sie bitten, in der Kita Bücher in ihrer Muttersprache vorzulesen oder Lieder zu singen. Familien mit Fluchthintergrund erfahren so, dass sie sich auch mit ihrer Muttersprache einbringen können und ein Mehrwert für die Gemeinschaft sind.

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